Ein schwerer Schicksalsschlag hat das herrliche Ahrtal in der Nacht vom 13. auf den 14. Juni getroffen. An der oberen Ahr ging ein fürchterlicher Wolkenbruch nieder. Die durch das Unwetter und das dadurch herbeigeführte Hochwasser verursachten Verwüstungen spotten jeder Beschreibung. Das Ahrtal glich am vorigen Montag bis hinauf zur Mündung unterhalb Ahrdorf einem See. Telephon und Telegraph sind zerstört. Die schöne Ahrstraße ist dutzendmale auf weite Strecken tief aufgewühlt, ausgewaschen, fast unpassierbar. Stellenweise ist sie ganz verschwunden. Felsen im Straßenkörper hat das Wasser sogar gesprengt. Der Fahrverkehr wird auf Wochen im Ahrtal unmöglich sein. Die alte Ahrbahn, sowie der neue Bahnbau sind auch gründlich mitgenommen worden. Dämme, Brücken und Unterkunftshäuser sind zerstört worden. Der neue Bahnbau war Bundesgenosse des wütenden Wassers. Dieses riß die Brücken und die Kantinen zusammen, entführte die mächtigen Bauhölzer, die Kieswagen und setzte sie vor den Brücken, in den Talengen und vor den Dörfern wieder an. Dann stieg das Wasser immer höher und mit gewaltigem Druck sprengte es die Brücken, stürzte in die Dörfer und über die Fluren. Die an der Bahnlinie gelegenen Baubureaus und Kantinen sind mit dem ganzen Inhalte weggeschwemmt.
Man schätzt die Zahl der Toten über 80. Aber mit den Leichenopfern hat sich das Unwetter nicht begnügt. Es entführte den Wiesen, Feldern und Gärten den Mutterboden und überschüttete sie fußhoch mit Steingeröll, verwüstete Gras, Frucht, Kartoffeln und den Boden auf Jahre. Selbst unzählige Obstbäume im schönen Ahrwiesental entwurzelte es. Dann stürzten sich die Wasser auf blühende Dörfer, setzten sie meterhoch unter Wasser, vertrieben Menschen und Vieh aus ihrem Heim mitten in der Nacht. Von Adenau bis Dümpelfeld, von der Ahrmündung bis Neuenahr-Heimersheim erblickt man nur ein entsetzliches Trümmerfeld. Fast jedes Dorf in dem gesegneten Ahrtal hat eine verlorene Brücke zu beklagen. Auch die Ahrbrücke und die uralte Brücke bei Altenahr, die jahrhundertelang den Stürmen getrotzt hat, sind zusammengestürzt. Am 15. Juni rückte Militär mit Automobilen herbei, um den Leuten Nahrungsmittel und Hilfe zu bringen. Die Pioniere arbeiteten an den Brücken, schlugen neue über den immer noch reißenden Strom, stützten wankende und sinkende ab. Bis unter die Arme standen die wackeren Soldaten unter Wasser und mühten sich ab, vorläufig wenigstens Stege für den notwendigsten Verkehr herzustellen. Dem Schreckensjahr 1804 werden die Bewohner der Ahr das Kometenjahr 1910 angliedern. Davon werden noch Kinder und Kindeskinder erzählen.
Als Folge der Naturkatastrophe war die Firma Bruch gezwungen, Konkurs anzumelden. Hierzu beigetragen haben vielleicht auch die unerwartet großen Hang- und Bergrutschungen, die erst durch umfangreiche Flußregulierungen und Entwässerungsstollen aufgehalten werden konnten. Im Bereich des Bahnhofs Schuld mussten die Pläne geändert werden, da man statt, wie vermutet auf Fels, auf Lehm und Sand traf. Deshalb waren flachere Böschungswinkel und damit verbunden größere Erdbewegungen auszuführen als geplant. Die Fertigstellung dieses Bauloses wurde der Firma Lenz & Co, Berlin, übertragen. Ähnliche Schwierigkeiten gab es auch in den anderen Baulosen.
Am Bahnhof Antweiler rutschte ein angeschnittener Berg mit einer Geschwindigkeit von 3m/Jahr ab, ehe er durch diese Maßnahmen zum Stillstand kam. Ein unerwartetes Hindernis bildete der dolomitartige Kalkstein des mittleren Devon bei Hillesheim, da er wegen seiner großen Härte nur unter Schwierigkeiten zu sprengen war.
Was die Baumaßnahmen rund um Ahrdorf betrifft, sei nachfolgend nochmals ein Auszug aus der Ahrdorfer Schulchronik vom 01.03.1910 aufgeführt, der auch einen Einblick in die sozialen Veränderungen gibt, die mit dem Eisenbahnbau einhergingen und die nicht nur positiver Art waren:
Der Bau der Bahnstrecke Dümpelfeld - Hillesheim - Lissendorf, der schon jahrelang geplant war, hat seit einigen Monaten feste Gestalt angenommen. Nachdem der Unternehmer Berger am 10. Oktober v. J. mit der Strecke Antweiler - Ahrdorf begann, wurde heute auch der Bau der Strecke Ahrdorf - Kerpen durch den Unternehmer Kranz in Angriff genommen. Außer einheimischen Arbeitern sind Leute aus aller Herren Länder beim Bahnbau beschäftigt: Italiener, Böhmen, Kroaten, Griechen, Tiroler usw. Wie in allen Orten, die an oder in der Nähe der im Bau begriffenen Bahnstrecke liegen, so herrscht jetzt auch in dem sonst so stillen Ahrdorf ein bewegtes Leben. Um Raum für den Bahnhof und Material für den Bahndamm zu gewinnen, muß oberhalb der Ahrbrücke buchstäblich ein Berg versetzt werden. Tag und Nacht ist zu diesem Zwecke eine große Baggermaschine in Tätigkeit und drei Lokomotiven sind mit der Beförderung der geschaufelten Erde beschäftigt. Der Bahnbau ist für die Dorfbevölkerung eine reiche Einnahmequelle.
Abgesehen davon, daß die Arbeitskräfte gut bezahlt werden (Tagelöhner erhalten zwischen 3 - 4 Mark pro Tag), erhalten Leute, die Miet-, Schlaf- oder Kostgänger halten können, ein Heidengeld. Alte, verfallene Häuser, die kaum noch einer menschlichen Wohnung ähnlich sehen, bringen pro Jahr 360 M Miete ein. Den Wirten und Geschäftsleuten regnet das Geld geradezu in den Schoß, da viele Bahnarbeiter, besonders Italiener und noch mehr die sogenannten “Monarchen” “von der Hand in den Mund” leben, wie man zu sagen pflegt. Die Sache hat freilich auch ihre Schattenseiten. Mit dem vielen Geld wird auch Gift unter die Landbevölkerung getragen. Das so leicht verdiente Geld wird auch eben so leicht wieder ausgegeben, da die Putz- und Genußsucht erwacht, und das Beispiel der leichtlebigen “Eisenbähner”, die mit wenigen Ausnahmen keinen Gott und kein Gebot mehr zu haben scheinen, ist keineswegs geeignet, den religiösen und kirchlichen Sinn zu beleben und die Sittlichkeit des Volkes zu heben.
Wie dem auch sei: die gesamte Strecke von Dümpelfeld bis St. Vith sowie die Abzweigung von Hillesheim nach Gerolstein wurden am 01. Juli 1912 dem Verkehr übergeben. Die Eröffnungsfeierlichkeiten sind im Bonner Generalanzeiger beschrieben:
